



David Garrett in Wien
Langsam rollen wir zur Startbahn, stehen noch einen Moment in Warteposition. Das Dröhnen der Motoren wird lauter, ohrenbetäubend. Jetzt beschleunigen wir. Das ist der Moment, in dem ich immer am meisten Angst habe – es drückt einen in den Sitz, wir verlieren den Boden unter den Rädern, oh je, jetzt kann man nicht mehr flüchten, wir steigen durch ein paar Wolken (die da hinten sieht aus wie eine Torte), gewinnen rasch an Höhe und lassen Wien hinter uns. Wien – und damit auch vier Tage voll gepackt mit Erlebnissen…
Von Treffen in Schlössern mit alten Bekannten über Kaffeetrinken mit neuen Freunden
zu Stadtführung mit privatem Tourguide. Dann war da ein Klassik-
Wir haben unsere Flughöhe erreicht und schweben durch die Wolken, von denen eine wirklich aussieht wie ein Hut. Ach ja, der unvermeidliche Hut… mir gefällt ER ja „oben ohne“ besser. Aber gestern hat es gefühlte 5 Minuten gedauert, bis ich gesehen habe, dass Er gar keinen auf hat….
David Garrett in Wien. Haargummis und die Magie der Musik.
Heiß war es am Dienstag in Wien, heiß und ziemlich stickig. Kreislaufwetter. Oh je,
ich bin ja schon monatelang nicht wirklich fit und fühl mich den ganzen Tag leicht
angematscht. Nicht NOCH ein Konzert, das ich deshalb nicht genießen kann… bitte nicht.
Prophylaktisch gedopt mit Kreislauftropfen, Kopfschmerztabletten und dieses Mal vorsichtshalber
auch mit Ohrstöpseln in der Tasche komme ich ziemlich spät bei der Stadthalle an
und völlig unkontrolliert bis zu meinem Platz in Reihe 3. Boah. Das ist mal wirklich
nah, die Bühne ist recht niedrig und die Treppe dort rauf direkt vor meiner Nase.
Aber ansonsten ist’s erstmal zum Davonlaufen schlechte Luft (bzw. irgendwas anderes,
denn Luft ist doch das Gemisch MIT Sauerstoff drin, oder?), sauheiß und ich krieg
echt schon fast Panik, ob ich das trotz Sitzplatz aushalte… nun denn… es dauert zum
Glück nicht mehr lang. Nachdem der Kreislauf dank der netten Mit-
Kurz vor knapp – und direkt vor mir in Reihe 2 und 1 sind immer noch die Plätze frei. Wow – DAS wäre ja…. Aber nee, die kommen sicher noch. Die blonde Dame neben mir guckt auch schon vorsichtig erfreut und gemeinsam fixideren wir alle noch Ankommenden und grinsen erleichtert, wenn auch die wieder andere Sitze ansteuern. Vielleicht bleiben die vor uns ja doch leer? Und tatsächlich, die Musiker und die Bandmitglieder betreten die Bühne, das Licht geht aus – und es gibt freie Sicht nach vorne. Wahnsinn. Wahnsinn. Wahnsinn.
Es geht los. Jetzt merkt man genau, wer schon einmal ein Rock-
Ein paar Minuten zum Wiederfinden von Atmung und Kamera… und dann hämmert uns „the 5th“ um die Ohren. Echt jetzt – Beethoven wäre vor Begeisterung ausgeflippt – wir tun’s auch. David ist unglaublich. Sowas wie Anlaufzeit kennt er gar nicht: Von einer Bühnenseite auf die andere, er geigt wie besessen, schon jetzt wirkt er wie aus einer anderen Welt. Die Gitarrenriffs brettern durch den Saal. Der Bogen tanzt so schnell, dass sogar die fliegenden Haare langsam aussehen… fliegende Haare? Moment mal, HAT er die jetzt zusammengebunden oder nicht? Mein Gott, ist das irre… seinem Gesichtsausdruck nach ist David verloren für die Welt. Die Haare sehen im Scheinwerferlicht aus wie flüssiges Gold (ok, ok, ich reiß mich zusammen). Und vermutlich verlieren sich grad 95% der weiblichen Konzertbesucher in wilden Phantasien. Nur einmal durchwuscheln (sorry – ich VERSUCHS ja, mich zusammenzunehmen, ehrlich). Der Schlussakkord. Boah. Wir schrecken auf. Wie, Stück schon vorbei? War das immer schon so kurz?
Ins wilde Klatschen hinein fragt ein erhitzer (Leute, es ist sauheiß hier drin),
unglaublich attraktiv zerzauster David: „So, jetzt erst mal eine kurze Frage an die
Damen hier in Wien: Hat jemand ein Haargummi dabei? Das ist nämlich gerade verloren
gegangen.“ -
Der meint’s ernst. Die ersten langhaarigen Damen rennen los. Vielleicht so 20 oder
30? Komisch, keine 200 oder 300….Neben mir rast am rechten Gang entlang ein Mädel
mit superschönen blonden Haaren zur Bühne und reißt sich im Laufen das Band aus dem
Zopf… „perfekte Gelegenheit mal ein bisschen….“ Was das ‚bisschen’ ist, für das jetzt
die Chance ist, erfährt das kurzhaarige, gebannt lauschende Damenpublikum leider
nicht mehr (die mit den langen Haaren lauschen nicht, die rennen ja), denn David
schaut nach links, wo eskortiert von einem Security-
Gut. Weiter im Programm. Beruhigen wir uns alle mal ein bisschen mit dem „Bolero“.
Wobei ich nicht sicher bin, ob die sehnsuchtsvollen Töne, die David seiner Violine
jetzt entlockt, viel zur Beruhigung beitragen. Und der Blick dazu... bzw. er hat
ja die Augen zu… das ist einfach so bewegend, so unglaublich schön, so jenseits aller
Worte. Gut, dass ich mit dem Fotoapparat beschäftigt bin, sonst würde ich vermutlich
wieder mal heulen… Nach der „oh je war mir schlecht“-
Als David mit „das nächste Stück habe ich zusammen mit meinem guten Freund Franck van der Heiden geschrieben“ ‚80s Anthem’ ankündigt, gibt es spontanen Zwischenapplaus. Ist mir so noch nie aufgefallen – da scheinen sich 10.000 Leute auf eine Eigenkomposition von ihm zu freuen. David strahlt so glücklich, dass ich mich seit langem mal wieder richtig gut fühle. Einfach nur glücklich, heute hier zu sein und jetzt dieses Lied wieder live erleben zu dürfen. Es ist mehr als nur ein besonderer Moment – es ist einer der Augenblicke, in denen du alles Denken loslassen und nur noch die Musik fühlen kannst. Könnten sich alle Gefühle aus dem Körper lösen, dann würde meine Sehnsucht mit diesen Geigenklängen tanzen, durch funkelnde Sterne, helle Sonnenstrahlen und durch schimmernde Dunkelheit, die man nicht mehr fürchten muss. ‚80s Anthem’ ist Magie. Es ist der Zauber der Musik, den nur wahrhaft begnadete Künstler zum Leben erwecken können. Noch in Hunderten von Jahren, wenn wir alle nur noch ein Staubkorn im ewigen Lauf des Universums sind, werden die Menschen vom ‚Wundergeiger’ reden, der die Gabe hatte, Menschen glücklich zu machen, ganz einfach weil er für das lebte was ihn selbst erfüllte und diese Erfüllung mit allen teilte, die bereit waren, zu hören. Sie werden uns beneiden, uns, die wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebten. Denn sie werden sich wünschen, sie hätten nur ein einziges Mal dabei sein können.
In derart aufgewühlter Gefühlslage muss ich jetzt sogar bei Brahms weinen… es ist so schön, so DERART schön… wo sind die Worte, die dafür noch erfunden werden müssen? Und hat ‚enchanted’ jemals zuvor jemand mit so viel Hingabe gespielt? Ohne ein Wort zu sagen oder zu singen, nimmt David uns mit auf eine Reise in sein Herz. Fast kann man die Magie sehen…
…und bevor wir alle gemeinsam davonschweben, bewundern wir bei „summer“ einmal mehr
seine Virtuosität. Um so spielen zu können, braucht es mehr als „nur“ unglaubliches
Talent. Solch ein Können ist das Ergebnis von eiserner Disziplin, Übung, Fleiß, Hingabe,
Verzicht – all’ das kann man hören. Und fühlen. Die Akkustik-
Nachdem David unter fröhlichem Lachen aus dem Publikum und mit den Worten „ja, is’
heiß hier“ gefühlte 5 Minuten auf der Bühne steht und Wasser trinkt, folgt ‚Musica
e’, was mich einmal mehr mit den Tränen kämpfen lässt. Das sind die Konzertmomente,
in denen man sich eine Freundin an der Seite wünscht, die einen ohne Worte versteht.
Die man an der Hand nehmen kann und von der man weiß, dass sie in diesem Augenblick
genau das gleiche empfindet… Den Kampf gegen die Tränen verliere ich jetzt und auch
beim Mittelteil des ‚Michael-
Wahnsinn. Ist DAS toll. Jetzt wird ein bisschen Frischluft in die Halle geblasen
(sieh an, es gibt DOCH eine Klimaanlage), ein kurzer Check der bisherigen Foto-
… und ja, klar, jetzt wird er wie immer von der anderen Seite auf die Bühne wandern,
also von rechts, also… müsste er doch eigentlich… gleich… genau, die Geige hört man
schon… yipieeh… da isser, da isser…da läuft er, direkt vor uns vorbei…je, sieht der
GUT aus (reminder for the ladies: you should listen not look) … und diese Hände…
Bei JBJ hat sich mal eine meiner BJ-
Der zweite Teil beginnt mit Davids Ansage „ich bin ja eigentlich ein sehr unkomplizierter
Typ“. Das Publikum lacht sich darüber schon scheckig, was David kurz echt irritiert…
die allseits beliebte Hanuta-
Und dann wird es auch schon wieder romantisch. Schon als er ‚clair de lune’ ankündigt, seufzt jemand ganz laut (nein, ich war’s nicht)… David grinst…. und beginnt. Der Mond geht auf (auf der Leinwand natürlich), die Szenerie ist perfekt. Ich hätte jetzt auch nichts dagegen, wenn Edward Cullen noch ums Eck käme… aber da dies nicht passiert, kann man sich ganz auf die Musik konzentrieren und sich forttragen lassen. Ein paar Grade rockiger wird es danach mit „Vivaldi meets Vertigo“, gefolgt von ‚Asturias’. Klasse, einfach genial, wie David Klassik mit Rock verbindet und damit etwas völlig Eigenes kreiert. Man kann fast nicht anders, als staunend mit offenem Mund fassungslos da zu sitzen und sein Können zu bewundern. Die Finger fliegen über die Saiten, (die Frisur sitzt seit der Pause auch wieder ganz fest, so dass sich keine böse Strähne mehr lösen und den Meister stören kann), die Mimik zeigt, dass er wieder so in sein Spiel vertieft ist, dass vermutlich die Halle einstürzen könnte, ohne dass er es merkt. Das ist schnell, so schnell kann ich kaum gucken, wie er spielt. Irre – ein unglaublicher Genuss, ihm beim Spielen aus nächster Nähe auf die Hände zu schauen.
Die Zeit geht so schnell rum, wir sind schon beim Stück ohne David – worauf wir meinetwegen
gerne verzichten könnten. Nicht wegen „ohne David“, sondern wegen AC/DC, die ich
im Original schon unerträglich ätzend finde. Auch die Version von Davids Band -
Krasser kann der Gegensatz jetzt nicht mehr sein, denn es folgt die Paganini-
… David beginnt zu spielen und… geht nochmal ans Mikrophon. Ups, was kommt jetzt?
„Also, dieses Stück möchte ich… ähem… möchte ich allen meinen Fans widmen. Es heißt
– ähem… ‚You raise me up’.“ Er macht jetzt irgendwie selber einen ziemlich ergriffenen
Eindruck. Krampfhaft halte ich mich an meiner Kamera fest und filme während mir die
Tränen übers ganze Gesicht laufen. Hat er das schonmal getan, ein Lied -
Puuh. Eine gefühlte Ewigkeit später atme ich wieder. Hei, ich wusste gar nicht, dass
ich gleichzeitig fimen, weinen und zittern kann. Der ‚Master of Puppets’ holt mich
in die rockige Realität. Und dann…das meint er jetzt nicht im Ernst, oder? Wie „das
letzte Stück des Abends“? Hä??? Er kann doch nicht nur einen zehnminütigen zweiten
Teil abliefern… no way. ‚Rocking all over the World’ – und David rast von links nach
rechts und rechts nach links, Marcus ebenfalls, jetzt sind beide und Franck vorne,
yeah, yeah, yeah… Große Konfetti-
Und ein David, der komplett überwältigt scheint – er sagt sowas wie „Wahnsinns Stimmung hier“, braucht unsere Hilfe für ‚hey Jude’. „Wer ein Handy dabei hat, kann es jetzt kurz rausholen, Display anschalten – handy, cellphone (alles lacht) – kurz hochhalten, Display in meine Richtung….“ Ich werf mich gleich weg, natürlich hat er gesehen, dass alle wie verrückt gefilmt und fotografiert haben. ‚Hey Jude’… du liebe Zeit, jetzt rastet der Typ hinter mir auch noch aus und brüllt in höchster Lautstärke, textsicher und gar nicht mal sooo schlecht aus Leibeskräften mit. Wahnsinn – kreischende Girls, ausflippendes Mittelalter, freudig lachende Rentner – wie macht er das, wie schafft er es nur, alle gleichermaßen mitzureißen. Es ist unglaublich, unfassbar, es ist der pure Wahnsinn, jeden, aber wirklich jeden Euro wert. Er gibt sich und seine Leidenschaft für die Musik – und ich hoffe, wir können ihm nur einen kleinen Bruchteil mit unserer Freude und Begeisterung zurückgeben. Es ist zum Abheben…
… und wir schweben noch ein letztes Stück durch die Wolken, bis der Flieger zum Landeanflug in Stuttgart ansetzt. Irgendwann gehen alle schönen Dinge vorbei – aber die Erinnerung wird mich für alle Zeiten begleiten. Die Erinnerung an ein Konzert, bei dem ich im Vorfeld so eine Angst hatte, es wieder nicht richtig genießen zu können und das mich so derart mitgerissen hat, dass alles unwichtig wurde. Es war zu fantastisch, um dem Gefühl mit Worten gerecht zu werden. Es war… David at his best. Und die Wolke da ganz oben am Himmel – ich schwöre, die sieht aus wie eine Violine.
Bericht und Foto: Sylke Wohlschiess